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Entscheidungskrisen

Oft wird durch eine Außenbeziehung die Sehnsucht nach einer früher selbstverständlichen, dann aber lang vermissten Verbundenheit geweckt. Also nach einem essentiellen Teil der Paarbeziehung, der u.a. aufgrund eines jahrelangen Alltags mit seinen zahlreichen Verpflichtungen auf der Strecke geblieben ist. Teils unwiderstehlich wirkt der Drang, noch mal einen neuen Aufbruch zu wagen. Nach dem ersten Elan, mit dem die Planung eines anderen Lebens angegangen wird, fällt der Trennungswillige nicht selten in ein Loch. Zum einen wird aus der nun entstandenen Distanz zum langjährigen Partner wieder sichtbar, was die zur Gewohnheit gewordenen kleinen Alltagsrituale auch an Sicherheit und Geborgenheit geboten haben. Zum anderen ist im bereits  langsam verklingenden Verliebtheitsrausch auch die rosarote Brille von der Nase gerutscht, mit der man alle Sehnsüchte und unerfüllten Bedürfnisse auf den neuen Partner projiziert hat. Die ersten Pfeiler eines neuen Alltags sowie die Vielzahl der nun zu lösenden Probleme lassen erahnen, dass auch in der neuen Beziehung nicht jeder Raum sonnendurchflutet sein wird, nicht jeder Wunsch erfüllbar ist.

In dieser Phase, insbesondere wenn der bisherige Partner noch um den Erhalt der Beziehung kämpft, die Partner noch nicht heillos zerstritten sind, entsteht oft eine Art emotionales Vakuum. Der Trennungswillige fühlt sich phasenweise hin- und hergerissen, weiß nicht mehr, wo er eigentlich hin will. Die Bindungskräfte der alten Vertrautheit und Sicherheit sind dann ähnlich stark wie die Anziehungskräfte einer verheißungsvolleren Zukunft ohne die Endlosschleifen der jahrelang erst diskutierten, dann totgeschwiegenen Defizite.

In dieser Situation ist eine Paarberatung in aller Regel nicht sinnvoll, da erst eine Entscheidung von dem Trennungswilligen zu treffen ist. Eine Entscheidung, zu der er noch jahrelang stehen muss - auch in schwierigen Phasen und in welcher Beziehung auch immer.

Krise ist ein produktiver Zustand! Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.

 

 

(Max Frisch)